"DER HERR DER RINGE" - Ersatzbibel als Kinderspielzeug

Selbst wenn mir alle Ringgläubigen den Fluch des dämonischen Sauron auf den Hals wünschen... ich sehe in dieser Kolossalverfilmung ihrer geheiligten Ersatzbibel nicht mehr als sauteures Kinderspielzeug.
Kann aber leicht sein, dass es Tolkien-Fundis selber so geht; sie riskieren angesichts dieses Sakrilegerls an ihrer Fantasy-Genesis nur Frust statt dem erwarteten großen Mysteln (auch dies wäre bestenfalls Abklatsch des literarischen Vorbilds gewesen) jagt läppisches Papperlapapp in verteilten Rollen über die Leinwand. Verbindet sich das Sprichwort vom Berg, der eine Maus kreißt, mit dem Porzellanladen, der einen Elefanten gebiert. Letzterer verwandelt die ganze raunende Sagen- & Mythenmelange des alten Professors, J. R. R. Tolkien (1892-1973) in bunte Scherbenhaufen.
Darunter halbherzige Biedermännlein, fadenscheinige Feen und weise Zipfelmützen. Horrormaskenbälle voller Spezialeffekthascherln und Frankensteinschleudern, die keuschen Jungscharführern einheizen.
Ein überdimensionales Halloween als ersatzreligiöse Brimboriumsammlung und Wintermärchen. Und keine Figur, keine Szene, keine Idee, die man nicht schon oft im Kino erlebt hätte: Vom gähnenden Schwarz teuflischer Kapuzengesichter bis zur schartigen Faunsfratze, dem Dominoeffekt einstürzender Brückenbögen bis zum asexuellen Elfenspuk.
Der Kleingeist des Films ist so liliputanesk wie seine Hobbits. Und das gilt wahrscheinlich nicht nur für diesen ersten Teil der Trilogie, das bisher teuerste Filmprojekt aller Zeiten.
Stanley Kubrick schreckte seinerzeit zu Recht zurück, filmisch mit dem Ring zu ringen. Und jetzt dieser Zuckerabguss, für den sich selbt Disney schämen würde. Jenen aber, die nur ihre Kinderlein begleiten, reicht die Botschaft:
Milchgesicht Frodo als Held wider Willen erbt einen Zauberring, dessen Kraft alle Welt versklaven kann. Drum will ihm der finstere Herrscher Sauron das magische Kleinod abjagen.
Volksschulklassenversion einer Synthese von Odyssee, Parzival und Schatzinsel, schaurigschön, rührend pompös und einfältig.

Rudolf John